Stuttgarter Zeitung 2.9.97
Text: Art
Foto: Feddersen

Figurenkabinett Schmidt
Puppen ebnen Wege zu Kranken.

Das Puppenspiel ist für den Lehrer Helmut Schmidt ein Stück weit Forschung. Bei seinen Auftritten versucht der Autodidakt die Wünsche der Kinder kennenzulernen und "gemeinsam etwas zu machen". Die Puppen seines Figurenkabinetts ebnen dem Alleinunternehmer aus Berglen-Reichenbach den Weg auch zu alten, seelisch kranken und behinderten Menschen. Schmidt ist Sozialpädagoge und bildet seit 1982 an der katholischen Fachschule in Stuttgart Erzieher aus. Erkenntnisse für den Schulalltag zieht der 43jährige aus seiner nebenberuflichen Tätigkeit. Bei einer kürzlich in Flensburg gezeigten Vorstellung für verhaltensauffällige Kinder seien deren Betreuer baff gewesen, welche Ratschläge die Buben und Mädchen dem Kasper gegeben haben, erzählt Schmidt. Die kleinen Gäste hätten gezeigt, dass sie durchaus gesellschaftlich anerkannte Normen und Werte intus haben. Man muss diese offenbar nur herauskitzeln.

Zu Beginn einer jeden Vorstellung werden die Kinder mit Problemen konfrontiert, die der Kasper nicht allein bewältigen kann. Herkömmliche Verhaltensmuster versagen. Gemeinsam wird überlegt, wie sich das Blatt wenden lässt, wie etwa die arme Gretel vom Spuk des Zauberers freikommen kann. Nachdem der Konflikt gelöst ist, feiern die Akteure mit den Kindern ein Fest.

Das pädagogische Element Puppentheater dürfe keinesfalls als Zwangsmittel missbraucht wer-den, sagt Schmidt. Die Figuren bezeichnet er als Brücke, die einen Zugang auch zu verschlossenen Menschen bauen. Eltern, die mit in die Vorführungen kommen, wundern sich gelegentlich. Manch ruhiger, in sich zurückgezogener Knirps beginnt lauthals zu schreien. Die Interaktion mit den Figuren ermöglicht es, jahrelang gewohnte Rollen und Verhaltensmuster zu verlassen.

Das Theater ist für den Pädagogen eine Möglichkeit, sich Kindern unaufdringlich zu nähern. Die Handpuppe sollte nicht autoritär daherkommen. Das Kind müsse vielmehr das Gefühl haben, der Regisseur zu sein. Wenn Schmid loslegt, darf die Puppe durchaus zunächst schweigen. Oft platzen die Buben und Mädchen von allein heraus, fragen etwa "wer bist Du?". Es kann passieren, dass das Spiel ganz anders abläuft als zunächst geplant. Improvisation ist gefragt.

Eine "nette Geste" seiner Frau ist dafür verantwortlich, dass Helmut Schmidt die Puppen tanzen lässt. 1984 schenkte ihm die Gattin eine Bauanleitung für Marionetten. Die technischen Vorkenntnisse aus einer Schlosserlehre kamen ihm entgegen und er baute "wie der Gestörte", spielte zunächst aber nicht. Dann trat Schmidt im Kreis der Verwandtschaft auf, der Funke sprang über. Seit 1986 gastiert das Figurenkabinett etwa zweimal im Monat überall in Deutschland. Mund-zu-Mund Propaganda und seit neuestem eine eigene Homepage im Internet machten Schmidt bekannt. Helmut Schmidt spielt nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Das Multitalent bietet. Kurse im Puppenbau und praktische Übungen mit gefertigten Figuren an, er modelliert Luftballonfiguren und hat eine so genannte Spiel-beratung im Programm. Seit Ende 1996 betreut der Mann aus Berglen geistig Behinderte im Jakobushaus Schwaikheim, die selbst Puppentheater spielen.

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Copyright * Figurenkabinett * Helmut Schmidt * Stand: 7.2.2004